Tuesday, January 14, 2014

008 - Das Echo der Steine

Stein um Stein wuchs der Turm unter ihren Händen. Sie schufteten Tag und Nacht, ruhten, aßen und schliefen nicht. Die Steine schöpfte die eine aus ihrem Gefühl, die andere den Mörtel aus ihrer Erinnerung. Unablässig waren sie am Werk, beharrlich wie die Wellen des Ozeans, die tief unter ihnen gegen die Steilhänge der Klippen schlugen.

Die Zauberin hatte gesagt, dass der Fluch gebrochen sein würde, wenn sie nur die Sterne erreichten. So wuchs die Mauer, Meter um Meter, ihr Haar wuchs, Meter um Meter, unablässig schichteten sie die Steine rings um sich selbst und schufen einen uneinnehmbaren Turm, ohne Fenster und Tür. Aber die alte Angst war noch immer da. Ihre Hände waren blutig, ihre Füße waren wund. Ihr Haar lag wie ein Mantel schwer um ihre Schultern.

Als der Turm so hoch war wie die alte Eiche, unter der sie oft gelegen hatten, als sie noch wussten, wie ihr Name lautete, als sie noch nicht zwei gewesen waren, kam ein Ritter sie zu befreien.


Das innere Mädchen, erschrocken an dem Rückzugsort ihrer Einsamkeit einen Menschen zu sehen, verbarg sich in dem Schatten der Mauer, kauerte neben dem kalten Stein und bangte, das Gesicht des Fremden über den Rand der Mauer spähen zu sehen.

 Der Ritter legte Umhang und Rüstung ab, trat an den Turm und prüfte die Steine, jedoch fand er keinen Halt, um das Gemäuer zu erklimmen. Er machte sich daran, einen nahen Baum zu schlagen und daraus eine Leiter zu fertigen. Während das innere Mädchen um ihr Leben fürchtete und der Ritter Lieder aus süßen Worten für sie sang, hatte das äußere Mädchen den Mann mit ihrem Missmut umstellt, verstimmt über seine Absicht und zweifelnd an seinen Motiven. Während er versuchte sie zu retten, schuf sie einen Stein aus sich heraus, klamm und schroff und ohne Stimme. Eine Waffe in einer Hand geführt von Abscheu und Mitleid gleichermaßen.

Sie wollte ihm und sich selbst die Enttäuschung ersparen, also schlich sie sich, nachdem er am Ende des Tages ein Feuer entzündet und sich in dessen Nähe zur Ruhe gebettet hatte, mit lautlosen Füßen an sein Lager, wo sie ihren Hass hoch über ihren Kopf hob.

Im Morgengrauen zerrte sie den zerschmetterten Körper zum Rand der Klippe und übergab ihn der See. Den besudelten Stein schleuderte sie gleichfalls in die Tiefen.

Der Tod des Ritters kostete sie nicht viel. Ein weiterer Sieg im Kampf gegen die Welt, ein weiterer Triumph in der Schlacht gegen sich selbst.

Hoch wie ein Baum stand der Turm auf den Klippen, bald hoch wie ein Berg, erreichte er letztlich die Wolken, als das äußere Mädchen müde wurde vom Schöpfen und Schleppen der Steine. Sie konnte nichts mehr in sich finden, was das Licht des Tages in Fels hätte wandeln können. Mit den letzten Steinen bauten sie eine Kuppel nah bei den Sternen und hofften auf das Wunder, das die Zauberin ihnen versprochen hatte, aber als das äußere Mädchen ein letztes Mal in sich drang, stieß ihre Hand nur auf kalten Grund. Es war nichts übrig, um daraus auch nur einen Kiesel zu schaffen. Es fehlte der Stein, den sie in die Tiefe geworfen hatte. In der Kuppel blieb eine Öffnung, die nicht geschlossen werden konnte.

Die Mädchen gerieten in Streit über den verlorenen Stein, über die Gedankenlosigkeit mit der das äußere Mädchen gefühlt hatte, über die ewige Bedrohung, die über dem inneren Mädchen schweben würde, doch noch von der Welt berührt zu werden. Sie wandten sich voneinander ab. Verwundet sank das innere Mädchen auf den Grund des Turms, gleichmütig trottete das äußere Mädchen in die Fremde, die sich unterhalb der Klippe erstrecke.

Das innere Mädchen lebte fortan im Schatten unter der steinernen Kuppel, in Furcht vor Entdeckung und in Angst vor der Einsamkeit. Nur in wenigen Nächten sah sie einen kleinen Stern, wenn sich der Himmel über sie hinwegdrehte. Dann fand sie den Mut bis zur Kuppel des Turms zu klettern und von Freiheit zu träumen.

Jahre Strichen ins Land, doch der Fluch ließ sie nicht altern. Nur ihr Haar wuchs und fiel zu einem Nest aus Dornen um ihre Knöchel.

Das äußere Mädchen irrte durch eine unbekannte Welt. Sie wanderte mit nackten Füßen, ließ Städte, Täler, Länder hinter sich. In einem fernen Land verliebte sich ein Prinz in ihren Liebreiz, nur eine Prinzessin hätte solch prächtiges Haar. Sein Werben war ihr gleich, der Ring an ihrem Finger war ihr gleich, sie war müde und willigte ein. Von da an trug sie die Kleider, die er ihr schenkte, tanzte auf seinen Bällen nach dem Rhythmus fremder Musik an einer Kette um ihren Hals.

Es dauerte nicht lang, bis der Prinz ihres leeren Gesichts überdrüssig wurde. Er wusste, es würde ihn mehr kosten, ihr ein Lächeln abzuringen, als sie zum Weinen zu bringen, also ließ er die Musik schneller spielen, damit sie fiele – vielleicht würde ein Sturz ihr eine Träne entlocken. Jede Nacht hielt er die Musiker an, schneller zu spielen, aber sie drehte sich nur schneller um sich selbst. Darauf ließ er Scherben in dem Tanzsaal auslegen, die ihr die Füße zerschnitten, aber sie spürte keinen Schmerz. Keine der Grausamkeiten des Prinzen rang ihr eine Regung ab, bis eines Nachts ein Schrei durch ihr Fenster wehte.

Sie erwachte von dem wehen Klagen, denn die Stimme, die zu ihr drang, war ihre eigene. Jäh spürte sie den Stich, das Brennen und das Reißen, die Angst und all die Qualen, die das innere Mädchen an ihrer statt empfangen hatte. In ihrem Schrei lag all das Leid, das über Städte, Täler und Länder geflohen war, um sie in ihrem Turm heimzusuchen.

Als das äußere Mädchen am folgenden Abend für den Prinzen tanzte, wand sich ihr sternenschimmerndes Haar um ihre Knöchel und ließ sie straucheln. Ihr sonnengoldenes Haar wand sich um ihre Kehle und würgte sie. Als der Prinz in jener Nacht zu ihr kam, um sie weinen zu sehen, fand sie in seinen Armen den verlorenen geglaubten Hass wieder. Am Morgen spürte sie ihn – den fehlenden Stein, der in ihr zu wachsen begann. Viele Monate schwelte der Hass und nährte den Stein unter ihrem Herzen. Er wurde in der Nacht geboren. Noch in der gleichen Stunde zerschnitt sie die Kette, zerschnitt die Kleider, zerschnitt ihr Haar und lief fort, hin zum Turm, in dem sie sich zurückgelassen hatte.

Sie brauchte Monate, um ihn zu erreichen. Oben auf der Klippe stand sie an seinem Fuß, sah die Dornen, die sich um die Mauern rankten. Ein neuer Tag dämmerte. Sie zögerte nicht, sondern begann zu klettern und erreichte die Kuppel, als die Sonne am höchsten stand. Mit ihrem Licht im Rücken konnte sie das innere Mädchen am Grund des Turms erkennen. Blass und schmal lag sie in dem Nest aus Dornen, reglos war sie und stumm.

Das äußere Mädchen glaubte sie tot. Also setzte sie den letzten Stein in die Kuppel, durchschnitt die letzte Fessel an die Welt, wandte ihr Gesicht zur See und sprang. Als ihr Körper auf den Klippen zerschellte, öffnete das innere Mädchen die Augen.

Es war dunkel um sie herum und sie fürchtete das Nichts, das im Schatten lauerte. Sie wusste, dass es vollbracht war, der Fluch gebrochen und sie doch verdammt. Sie wusste, dass das Ende nahte.

Mit letzter Kraft begann sie zu schreiben. Wort um Wort reihte sie rings um sich, eine neue Mauer aus Bedeutung und Sinn, den niemand verstehen konnte. Sie schrieb, wie sie der Fluch ereilt hatte, sie schrieb von dem Versprechen der Zauberin und von den Jahren des duldsamen Wartens. Sie schrieb, um sich zu erinnern, und als sie den letzten Stein, den Stein ganz und gar aus Hass geformt, oben in der Kuppel mit dem letzten Zeichen versehen hatte, wusste sie es. Auf ihrer Zunge schmeckte sie den Namen, sie spürte ihn in ihrem Hals wüten. Er drang aus ihrem Mund, wollte sich durch ihre Lippen zwängen, aber sie hielt ihn zurück. Es war ihr letzter Kampf. Sie ersticke an dem Wort und ertrank in der Stille, das es nach sich zog. Leblos sank sie auf ihr dornenes Haar und aus der Höhle ihres toten Mundes kroch der wiedergeborene Name wie ein Schrei.

Viele Jahre später kamen Männer an dem einsamen Turm vorbei. Sie hörten das Echo, das im Turm gefangen noch immer im Kreis irrte und ahnten ein Mädchen in Not. Vergeblich versuchten sie den Turm zu erklimmen. Die Steine ließen sie nicht und auch nicht die Dornen. Also trugen sie schwere Geräte herbei, schlugen die Mauern ein, Stein um Stein fiel, Ring um Ring.

Im Morgengrauen sahen sie, dass das Mädchen tot war. Das Echo ihres Namens, über die Jahre zu oft gebrochen und bis zur Unkenntlichkeit entstellt, war entkommen und wehte einsam über das Meer. Im Licht des Tages sahen sie die Steine, die über das Feld verstreut lagen, sahen die Worte, die auf ihnen geschrieben standen. Jeder Stein trug ein Wort und jedes Wort einen Verlust. Sie erkannten, dass die Tote eine Botschaft hinterlassen hatte, die unwiederbringlich zerschlagen war. Ihre Geschichte blieb wie ihr Name ungehört, vernichtet in dem hoffnungsarmen Versuch einer Rettung. Nur der erste Ring aus Steinen stand unberührt, darin der schöne Mädchenkörper. Bis heute kann man die Steine singen hören: Es gibt keinen Fluch. Es gibt keinen Stein und keinen Turm. Es gibt nur mich